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Die Prüfung

April 19, 2008 · Leave a Comment

Es hätte so einfach sein können. Er hätte seine mündliche Prüfung abgelegt, all der Druck wäre von ihm abgefallen, die ganze Nacht wäre er feiern gegangen. Aber so sollte es eben nicht sein. Nun saß er hier, im Studio von “Jahwe”, so nannten sie ihren Schulleiter, weil er ziemlich extrovertiert war und man nie so recht wusste, was als nächstes von ihm kommen würde.
Als “Jahwe” das Zimmer betrat, wäre Jan beinahe vom Stuhl gefallen: mit einer Gasmaske über dem Gesicht und einem Kakadu auf der Schulter erinnerte er ihn an einen Piraten aus der Zukunft.

Die ganze Erde war kontaminiert, alle Gewässer verseucht, ein Großteil der Menschheit ausgerottet. Regierungen existieren nicht mehr, der noch lebende Teil der Menschen hat sich auf die letzten Flecken noch nicht verstrahlter Erde gerettet: sie leben unter Wasser, mithilfe von Kernfusion als Energiegewinner. Einzig zur Lebensmittelbeschaffung verlassen einzelne Boote die “USA” – die Ultraverdichteten Strahlungsabfänger, entwickelt von ehemaligen Mafiosi, welche das Ausmaß der nuklearen Verseuchung als erstes erkannt hatten. Doch der Tauchgang ist gefährlich: draußen im Meer beherrschen Freibeuter den Wasserraum, jeder Tauchgang ist ein Spiel um Leben und Tod. Der größte unter ihnen nennt sich “Jahwe”, er zeichnet sich durch seine Gasmaske und einen Kakadu auf der Schulter aus. Es heißt, Kakadus seien die einzigen Lebewesen, die die Kontamination überstanden hätten. Forscher reißen sich seitdem um die Vögel, um die Erde wieder bewohnbar zu machen.

“JAN!”, schrie Herr Janson – so hieß Jahwe wirklich – “JAN!” – “Ja Herr Janson?” – “Hast du dich wieder in einem deiner verdammten Tagträume verloren?!” – “Scheinbar, Herr Janson, ich bitte das zu entschuldigen, aber ich bin wirklich fertig…” – “Kein Wunder! Durchgefallen, in Erdkunde! Deinem besten Kurs! Was fällt dir ein! Was hast du dir denn dabei gelacht?!” – “Gelacht, Herr Janson?” – “Du hast nichts zu lachen, junger Freund, erspar dir lieber die Späßchen!”

Jan hätte Jahwe gerne darauf hingewiesen, dass er ihn durch die Maske schlecht verstehen konnte, entsann sich jedoch lieber darauf, es bleiben zu lassen, als er dessen hochroten Kopf durch die Augengläser der Maske sah. Jahwe war bekannt für seine Wutausbrüche, einmal hatte er das ganze Schulgelände unter Wasser gesetzt, weil er sich so für seine Schüler geschämt hatte – Jan hatte zum Glück noch zwei Schüler jeder Klasse in ein aus Kreide und Schnellheftern gebautes Boot retten, und so die Klassenvielfalt ihrer Schule erhalten können.
Also entschied er sich, einen demütigen Blick aufzusetzen. Doch die Tortur war noch lange nicht vorbei. Jahwe schrie: “Was dachtest du denn? Dass die mündliche Prüfung wie der Trip zu einer Oase wird?!”
“Die Metapher ist aber nicht besonders gelungen,”, dachte Jan “schließlich muss man auf dem Weg zu einer Oase durch die brennend heiße Wüste”
Auch hier entschied er sich, den Mund zu halten, während Jahwe fortfuhr.
“Wir veranstalten hier doch keine Elchjagd, bei der wir auf gut Glück mit dem Schrot durch die Gegend schießen! Das wird noch Konsequenzen haben, junger Mann, du wirst dich schon noch wundern! Durchgefallen, pah! Ich hoffe du riechst den Duft des Versagens!”

Außer dem Schweiß – der wohl Jahwes Achseln entstammte – welcher sich dezent mit dem Geruch von Kreidestaub, faulen Eiern und quasarischem Damenparfüm mischte, roch Jan herzlich wenig. Viel schlimmer war die trockene und stickige Luft, welche von der schlechten Lüftung und dem heißen Maiwetter herrührte. Die Zentralheizung der Schule pumpte natürlich auch im Sommer die Hitze direkt in alle Zimmer.
“JAN!” – “Verdammt”, dachte Jan, “Jetzt bin ich schon wieder weggetreten…”
“Ja, Herr Janson?” – “Ich fragte, was du dir dabei gedacht hast? Meinst du wir verschachern die Noten hier wie bei der erstbesten Auktion am Hafen?!”
Inzwischen hörte Jan Jahwe unter der Maske röcheln, die trockene Luft machte wohl auch ihm zu schaffen. Unter der Maske musste es eine Höllentemperatur haben. Jahwes Kakadu flatterte indes wild durch den Raum und klackerte mit dem Schnabel. Jan merkte, dass es Jahwe nicht besonders gut ging, und bot ihm an, sich auf das Sofa zu legen, was sich als schwerwiegender Fehler entpuppte. Denn sofort fand der wütende Schulleiter seine Verfassung wieder und schrie los: “Sag mal, für wen hältst du dich denn, mich hier rum zu kommandieren?! Auf dem Sofa liegt meine gesamte Kafkasammlung, chronologisch sortiert, einen Teufel werde ich tun, die durcheinander zu bringen! Das wäre vielleicht eine Papierlawine!”
“Nicht besonders nachhaltig gedacht, seine Büchersammlung auf einem Sofa zu platzieren, ein unaufmerksamer Augenblick und schon fegt ein Sitzwilliger das ganze Werk von der Couch”, überlegte Jan, hielt sich jedoch mit einer Aussage zurück.

Jahwe hatte sich indes wieder beruhigt und bereitete scheinbar eine Diashow vor. “Jan”, sagte er, “lass mich dir etwas über Geographie erzählen! irgendwie musst du die Nachprüfung ja bestehen…”
Jan setzte sich und hörte aufmerksam zu. Während Jahwe das Zimmer verdunkelte, lief der Projektor langsam an.
“Siehst du Jan”, “das ist Ostafrika, und hier sehen wir einen großen Tiger, das war Asien, im Mai letzten Jahres. Ich nächtigte damals in einem kleinen Hofhaus, und glaub’ mir, da war vielleicht was… WAS, WAS?! NEIN, NEIN! NEIN, ALFRED, NEIN!”
Plötzlich passierte alles wie in Zeitlupe. Alfred, so nannte Jahwe scheinbar seinen Kakadu, hatte sich erhoben und war im Begriff seinen Darm auf die Kafkasammlung zu entleeren. Jahwe stürzte über den Couchtisch, auf dem der Projektor stand, ein gellender Schrei durchzuckte den Raum (Jan war sich nicht sicher, ob der Schrei von der Angst über die Bücher oder das Stoßen des Schienbeines am Tisch herrührte), der Projektor kippte um und begrub die fein säuberlich sortierte Kafkasammlung unter sich. Plötzlich war alles stockfinster, nur das Krächzen und Flattern von Alfred war noch zu vernehmen.

“JAN!”, “JAN!”
Jan schüttelte den Kopf. “Ja?” – “Was war denn los? Hast du dich schon wieder in einer deiner fiktiven Tagträume verloren?” – “Wahrscheinlich, ja, Herr Janson.”, antwortete Jan zögerlich. Er hätte schwören können, dass er bis eben noch im stockdunklen Rektorzimmer gesessen hatte. “Naja, herzlichen Glückwunsch Jan, du hast deine Abiturprüfung bestanden!”

Categories: Poetry & Creative Writing

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